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"Martyrium" im Kirchenrecht

Das Konzept des Martyriums und seine wesentlichen Elemente

aus dem Italienischen übersetzt von
Vizepostulator Pater Willibrord Driever OSB

 



1.    Das Konzept des Martyriums

Papst Benedikt XV (1740-1758): „Das Martyrium ist die freiwillige Annahme des Todes um des Glaubens an Christus willen oder um einer anderen Tugend willen, die sich auf Gott bezieht.“
Wir unterscheiden: Martyrium vor Gott – Martyrium vor der Kirche.
In der rechtlichen Bedeutung des Martyriums wird alles bedacht, was sich auf das sensitive und rationale Bewusstsein des Menschen bezieht: die Handlungen, die Worte und die äußeren Haltungen.
Das juristische Konzept des Martyriums ist deswegen viel restriktiver als das theologische Konzept des Martyriums: Alle Märtyrer „vor der Kirche“ sind gleichzeitig auch Märtyrer „vor Gott“, aber viele Märtyrer „vor Gott“ werden nie von der Kirche als Märtyrer erklärt in der Selig- oder Heiligsprechung.
Das juristische Konzept des Martyriums verdient hier besondere Aufmerksamkeit, denn es ist die Basis für das kirchliche Urteil des Martyriums in der Selig- bzw. Heiligsprechung.
Die Rechtsprechung der Kirche (Kongregation für die Selig- und Heiligsprechung) unterstreicht folgende Elemente des Martyriums: die Person des Märtyrers, die Person des Verfolgers, der Tod und das Motiv für den Tod.
Der Tod ist ein materiales Element.
Die Annahme des Todes ist ein moralisches Element.
Die Personen des Märtyrers und des Verfolgers sind ein menschliches Element.



2.    Die Person des Märtyrers

Benedikt XIV: Damit einer zu den Märtyrern gezählt werden kann, reicht es nicht aus, daß er den Willen zur Annahme des Todes für Christus habe, sondern es ist auch wesentlich das Ausharren in diesem Willen mit Starkmut und mit Geduld bis zum Tod und im Erleiden des Todes.
Die Disposition, den Tod für Christus anzunehmen, das geduldige und mutiges Ausharren im Glauben an Ihn, erfordert eine Kenntnis der Person des Märtyrers. Von den Anfängen des Christentums bis heute war die Person des Märtyrers Gegenstand der Untersuchungen im Prozess der Seligsprechung.
Die Kirche kanonisiert keine anonymen Märtyrer; sondern nur solche, über die auch wenigstens eine kurze Biographie verfasst werden kann und über die auch etwas über eine Vorbereitung auf den Tod und über das Martyriums selbst etwas gesagt werden kann.

2.1.    Die Intention, den Tod anzunehmen

„Der Wille, den Tod für Christus zu erleiden“ (Benedikt XIV) – das ist nichts anderes als die Intention, den Tod anzunehmen seitens des Märtyrers.
Der Nachweis für diese Annahme (=für die Intention, den Tod anzunehmen) bezieht sich nicht nur auf die Momente, die dem Tod vorausgehen, sondern auch auf die vollständige Annahme im Moment des Todes.
Der Nachweis dieser Intention und des Verharrens in derselben ist gefordert, um das Martyrium festzustellen.
Christus ist das größte Beispiel für die Annahme des Todes. Die Annahme des Todes bedeutet die freiwillige Annahme, ohne jeden offenen Widerstand, z. B. mit Waffengewalt.
Das Prinzip der freiwilligen Annahme des Todes nach dem Vorbild Jesu wird auch im Zweiten Vatikanischen Konzil unterstrichen (LG 42).
Die Annahme muß eine menschliche Qualität haben, d. h., sie muß bei vollständigem Bewusstsein erfolgen und frei von jeder Einschränkung sein; denn allein die Qual macht noch nicht den Märtyrer aus.

2.2.    Probleme, die bereitwillige Annahme des Todes zu beweisen

Diese Probleme können entstehen, wenn es sich um das Martyrium der Kinder handelt. Die Kirche hat diese Kinder dennoch in das Martyrologium aufgenommen; obwohl ein Mangel an Freiwilligkeit der Annahme des Todes vorlag oder zumindest die Freiwilligkeit nicht nachzuweisen war; in diesen Fällen hat die Kirche auf das Motiv ihrer Anteilnahme am Tod Christi abgestellt.
Ein ähnliches Problem entsteht, wenn die Erwachsenen sich dem Martyrium durch Flucht oder sonstwie zu entziehen suchten. Benedikt XIV: die Flucht als solche beweist noch nicht den Mangel an Willen zum Martyrium („Wenn man euch in einer Stadt nicht aufnimmt…“, Mt 10,23); Petrus ist aus dem Gefängnis geflohen; Paulus hat sich in Damaskus in einem Korb vor den Verfolgern gerettet. – Wenn aber die Flucht auch das Verlassen der Gläubigen durch den Hirten der Kirche wäre oder wenn die Flucht ein Motiv für einen Skandal wäre, dann wäre diese nicht vereinbar mit den kanonischen Bedingungen der freiwilligen Annahme des Todes.
In der Tradition der Kirche war es immer verboten, sich freiwillig zum Martyrium anzubieten oder den Verfolger dazu zu provozieren: wegen der Schwäche der menschlichen Natur und wegen der Möglichkeit, dem Glauben abzuschwören.
Andererseits anerkennt die Kirche auch jene als Märtyrer, die in einer ersten Phase der Verfolgung gefallen und den Glauben verleugnet haben, aber ihn später bekannt haben.
Ähnlich in dem Fall, in dem ein solcher Akt motiviert war von dem eifrigen Bemühen und vondem Wunsch, die anderen im Glauben zu bestärken oder von einer Inspiration des Heiligen Geistes: auch dann kann man von einem Martyrium sprechen.
Maximilian Kolbe: sein ganzes Leben war eine Vorbereitung auf sein Martyrium. Papst JP II zitiert in der Messe Joh 15,13 und 1 Joh 3,16. Pater Maximilian hat das Recht des Verurteilten auf Leben zum Ausdruck gebracht, indem er bereit war, an dessen Stelle zu sterben. Seine Entscheidung war keine kapriziöse Entscheidung, sondern war eine bewusste Entscheidung für das Martyrium.

2.3.    Das mutige und geduldige Ausharren bis zum Tode

Neben der freiwilligen Annahme des Todes wird auch der Nachweis der Festigkeit und der Geduld auch während des Sterbens gefordert. Weil das Martyrium als eine Bluttaufe die Vergebung der Sünden und die ewige Seligkeit verleiht, deswegen ist es notwendig, das Ausharren in der Gnade, d. h. die Annahme des Martyriums bis zum wirklichen Tod zu zeigen. Nun ist das aber nicht immer zu beweisen, niemand weiß, was der Sterbende gedacht hat, oder wenn der Märtyrer ins Wasser geworfen wurde, oder wenn ihn der Tod im Zustand des Koma erreichte. Darum gilt die Formel: Die Standhaftigkeit ist zu beweisen, soweit dies möglich ist (in quantum fieri potest)

2.4.    Neuere Methoden des Beweises für die Annahme des Todes

Nun kann man nicht immer die Standhaftigkeit und die Geduld des Märtyrers beweisen. Darum ist die Kongregation für Selig- und Heiligsprechung dazu übergegangen, einen indirekten Beweis zu führen und anzuwenden: Er besteht darin zu zeigen, wie der zukünftige Märtyrer die Tugenden geübt hat in der Zeit vor seiner Verhaftung und Einkerkerung. Um die freiwillige Annahme des Tode und die Treue zu Christus im Tode selbst zu beweisen, greift die Kongregation zurück auf das Konzept der „entfernten Vorbereitung auf das Martyrium“. Wenn die Person vor ihrer Einkerkerung hinreichend für das Martyrium vorbereitet war (durch die Übung der Tugenden oder durch die missionarische Berufung, wenn sie eine durch die Jahre geläuterte Sehnsucht nach dem Martyrium zu Ausdruck brachte), dann ist es sehr leicht, die tatsächliche Intention des Martyrers zu beweisen. Diese Praxis wird auch angewandt bei den Martyrern des Zweiten Weltkrieges, bei denen der hinreichende Beweis für die freiwillige Annahme des Todes fehlt (Titus Brandsma: pastorale Aktivität, Verteidigung der Rechte der Kirche, Schutz der Juden… eine entfernte Vorbereitung auf das Martyrium; Edith Stein).
Zusammenfassend kann man sagen: Durch die Erweiterung der Forschungsmethoden nimmt auch die Möglichkeit zu, Personen seligzusprechen, die ihr Leben in einer weniger bekannten Weise gelebt haben. Früher hatte die Kongregation diese Fälle nicht akzeptiert. Die Anwendung der wissenschaftlichen Methoden bei der Erforschung des Martyriums – besonders Psychologie, Medizin und Psychiatrie – hat es ermöglicht, die Frage nach der Annahme der Intention des Martyriums und des Ausharrens bis zum Tod zu beantworten.



3.    Der Verfolger


Nach Benedikt XIV – damit es sich überhaupt um ein Martyrium handelt – muß es auch einen Verfolger geben, und diese Person muß von der Person des Märtyrers verschieden sein, und diese Person muß als Ursache des Todes handeln aus Hass gegen den Glauben. Der Verfolger muß nicht ein Ungläubiger oder ein Häretiker sein. Es ist ausreichend, wenn der Verfolger von dem Märtyrer etwas zu tun verlangt, was unrecht, unwürdig oder gegen das Gesetz Gottes ist. Der Tötende ist eine physische oder eine juristische Person, sie ist direkt oder indirekt, Todesursache für den Märtyrer, unabhängig von seinem Lebensstand, von seinem Beruf oder anderen persönlichen Umständen. Der Tod kann vom Verfolger persönlich verursacht sein oder durch einen anderen, der damit beauftragt worden ist.

3.1.    Kollektive und individuelle Verfolger


Es gibt die traditionellen Verfolger im Sinne einer physischen Person, aber auch die kollektiven Verfolger (politische, der Religion feindliche Systeme: Stalinismus, Nazismus, Kommunismus in Spanien, Diktatur in Mexiko). Aber auch in all diesen Fällen ist immer auf einen individuellen Verfolger zu schauen, der das System repräsentiert: ein Organ der administrativen Gewalt, gebildet durch eine oder mehrere Personen, die direkt verantwortlich sind für den Tod des Märtyrers. Manchmal kann man die Namen nicht mehr herausfinden (Edith Stein). In diesem Fall ist die Tatsache des Todes als Werk der Machthaber des Nazi-Regimes hinreichend, um den Verfolger zu benennen.

3.2.    Der Verfolger im weiteren Sinne

Revolutionäre Gerichte, Tribunale, Verwaltungen… Heute verbirgt der Verfolger meist die wahren Motive seines Handelns und versteckt sie hinter formalen Begründungen und Rechtfertigungen (z. B. ein offensichtlich unsittliches Gesetz, aber zum Vorteil des Systems). Die Kongregation studiert die Ideologie des Systems, denn oft finden sind in dem zu prüfenden Material keine Worte oder Handlungen des Verfolges, die seine wahre Intention der Verurteilung zum Tode offenbaren. Nur das Studium der sozio-politischen Situation wirft ein Licht auf die Figur des Verfolgers (Nazi, Kommunismus UdSSR).
Wenn solche kollektiven Personen identifiziert sind, dann müssen auch noch konkrete Personen ausgemacht werden, die die Rolle des Verfolgers im Martyrium übernommen haben. Es reicht nicht, ein System als Verfolger zu nennen, sondern es muß nach Möglichkeit auch Personen genannt werden, die direkt für den Tod des Märtyrers verantwortlich sind: in quantum fieri potest. Es wird auch unterschieden zwischen den eigentlichen Verfolgern und den Exekutoren der Todesstrafe.



4.    Der physische Tod

In den ersten christlichen Jahrhunderten wurde dieser Begriff in einem weiteren Sinne gebraucht. Im Martyrologium waren auch die Bekenner aufgeführt, die vor einem Tribunal ihre Todesbereitschaft erklärt hatten; die ihren Glauben bekannten, aber nicht zum Tode verurteilt wurden; auch jene, die zwar zum Tode verurteilt worden waren, aber die Todesstrafe nicht ausgeführt wurde; auch solche, die an Verwundungen gestorben sind u.a.

4.1.    Der natürliche und reale Tod

Auch heute, um eine Person als Märtyrer zu erklären, muß ihr natürlicher und realer Tod festgestellt werden können; es reicht weder der unerfüllte Wunsch nach dem Tod noch die unausgeführte Drohung.
Auch der „juristische Tod“ (Beraubung ziviler Rechte) wird nicht als Martyrium anerkannt.
Der „psychologische Tod“ (Zerstörung der Persönlichkeit, des sensitiven, intellektiven Lebens), ohne das vegetative-biologische Leben zu rauben, wird von der Theologie als realer Tod angesehen, von daher gilt er auch als Martyrium. Die Kongregation bevorzugt aber eine sichere Grundlage, daher ist sie zurückhaltend, in diesem Falle von einem Martyrium zu sprechen. Tatsächlich geht es immer um den physischen Tod.

4.2.    Direkte und indirekte Methoden der Tötung

In der heutigen Zeit finden wir selten die Zeichen der Folter oder die Wunden am Körper der Märtyrer. Der Verfolger verbrennt die Körper oder vergräbt sie an unbekannten Orten. Darum kann es manchmal ein Problem sein, den Tod nachzuweisen (Gaskammer, Krematorien, Konzentrationslager).
Die Verurteilung zum Tode kann direkt sein, wenn der Verfolger im Urteilsspruch die Verurteilung zum Tode direkt ausgesprochen hat; die Verurteilung zum Tode ist indirekt, wenn der Verfolger jemanden zum Gefängnis oder zum Konzentrationslager verurteilt hat und wenn dieses praktisch die Verurteilung zum Tode einschließt. Die Kirche erklärt auch den als Märtyrer, der im Gefängnis war, gelitten hat und gestorben ist. Der Tod infolge der erlittenen unmenschlichen Behandlung muß nicht sofort eintreten, kann auch später eintreten, jedoch nicht nach langer Zeit. Man kann auch jene Situation als Martyrium erklären, in welcher der Märtyrer – nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden ist – auch wenn er danach noch eine Zeit lang gelebt hat, aber wenn er dann mit Sicherheit in Folge der erlittenen schlechten Behandlung gestorben ist. In diesem Fall ist die kausale Verbindung zwischen der Krankheit als Todesursache und seinem Aufenthalt im Gefängnis oder im Konzentrationslager nachzuweisen. Wenn einer eine tödliche Verwundung erlitten hat, davon aber genesen ist, ist er kein Märtyrer im engen Sinne des Wortes. Sein Tod müsste die Folge der erlittenen Wunden sein. In diesem Falle reicht auch nicht das medizinische Attest bezüglich der Wunde, sondern es muß der Beweis des effektiven physischen Todes erfolgen.



5.    Der Grund für das Martyrium

5.1.    Die traditionelle Lehre der Kirche

Der Grund für das Martyrium ist ein fundamentales Element im Prozess der Seligsprechung.
Auf Seiten des Märtyrers darf das Motiv für sein Sterben nur die Liebe zum Glauben oder zu einer Tugend sein, die aus dem Glauben hervorgeht. (Johannes der Täufer gab sein Leben nicht für den Glauben, sondern für eine Tugend, aber für eine Tugend, die mit dem Glauben verbunden ist.) Viele andere sind gestorben, nicht als Zeugen des Glaubens, sondern in der Verteidigung der Autorität, der Freiheit oder der Rechte der Kirche: diese sind ebenfalls als Märtyrer anerkannt. Wir müssen ja nicht nur eine Glaubenswahrheit verteidigen, sondern auch eine praktische Wahrheit, z. B. die Abweisung der Sünde.
Auf Seiten des Verfolgers: Beim Tod handelt es sich dann um ein Martyrium, wenn der Tod herbeigeführt wurde aus Hass gegen den Glauben oder gegen ein gutes Werk. Viele Märtyrer sind gestorben nicht direkt für den Glauben, sondern für ihre Haltungen und Einstellungen, die aus dem Glauben hervorgehen. Nach dem Urteil der Verfolger sind jene Haltungen und Einstellungen deswegen strafbar, weil sie mit den Gesetzen nicht konform seien: also gesetzwidrig, allerdings innerhalb des Systems des betreffenden Landes. So kann das ungerechte und unwürdige Gesetz (lex iniusta) zum Martyrium des Ungehorsams gegenüber diesem Gesetz führen, weil es im Gegensatz zum Glauben steht. Beispiel: Jene, die den Militärdienst im römischen Reich verweigerten, wurden verurteilt wegen ihrer Opposition gegen den römischen Kaiser. Sie verweigerten den Militärdienst nicht deswegen, weil er etwa den Christen verboten wäre, sondern weil dieser Dienst zu einem Gewissenskonflikt führte: die Soldaten wurden gezwungen, unschuldige Völker erobern. Die eigentliche Intention des Verfolgers – und damit die Intention des Martyriums – erhellt aus der Formulierung der Verurteilung, aus den Dialogen vor dem Tribunal, aus den Versprechungen gegenüber dem Märtyrer und aus anderen Umständen vor dem Tod.
Außerdem ist es eine Frage, genau den Moment zu definieren, da sich der Hass gegen den Glauben zeigt: er muß sich zeigen im Moment der Tötung, oder reicht es, wenn er sich zeigt in den Prinzipien, in der Ausbildung, welche die tötende Person erhalten hat, in ihrer Ideologie und in ihrem ganzen System?

5.2.    Die Schwierigkeiten bei der Beweisführung für die Begründung des Martyriums in der modernen Rechtsprechung


Der Aufweis der Liebe zum Glauben auf der Seite des Märtyrers und der Aufweis des Hasses gegen den Glauben auf der Seite der Verfolger – können besondere Probleme gerade der modernen Seligsprechungsverfahren sein.
Die Anwendung der spezifischen Methoden der historischen Wissenschaften und der anderen Wissenschaften erlaubt es den Experten, die fundamentalen Rückschlüsse zu ziehen auch in Bezug auf den Aufweis des Glaubens und des Hasses gegen den Glauben.
Die Unterscheidung zwischen Hass gegen den Glauben und politische Aktion ist ein wichtiges Problem in den modernen Seligsprechungsverfahren bei den Märtyrern.
In jedem einzelnen Fall ist genau zu examinieren, individuell und präzise, in Bezug auf den, der die Tötung vornimmt, auch in Bezug auf den Verfolger. So kann man nicht ein ganzes System (z. B. Stalinismus) gleichsam automatisch auf alle Tötungen anwenden und als Martyrien deklarieren. Das ist nicht die Praxis der Kongregation; dagegen studiert sie jeden einzelnen Fall.
Manchmal gibt es Fälle mit einer doppelten Motivation der Verurteilung zum Tode (politisch und religiös). Hier wird das Konzept des vorherrschenden Motivs beim Martyrium durch den Verfolger angewandt. So kann man dann von einem Martyrium sprechen, wenn der Hass gegen den Glauben das vorherrschende Motiv war, auch wenn es nicht das einzige war.
Das Martyrium muß in komplementärer Weise studiert werden: theologisch und kanonistisch. Das theologische Konzept des Martyriums und das kanonistische Konzept sind nicht gegensätzlich und auch nicht total verschieden, sondern sie ergänzen sich gegenseitig.
Manche Kanonisten warnen davor, im Falle der Märtyrer immer von einem Wunder abzusehen, sondern eher die Möglichkeit offen zu halten, davon dispensieren zu können.
Bei der Vorbereitung der Seligsprechung der Märtyrer ist „der Ruf des Martyriums“ nachzuweisen (fama martyrii): also alle Hinweise auf ein Wissen um das Martyrium einer bestimmten Person im Volk Gottes.
Die Teilnahme verschiedener Experten führt zu einem raschen Fortgang und Ende eines Prozesses.
Die neuer Theologie hat neue Konzepte des Martyriums angeboten: der Apartheid, der sozialen Gerechtigkeit, des Holocaust, der Verteidigung der sozialen Strukturen. Die Kongregation formuliert keine Regeln oder allgemeine Prinzipien, sondern behandelt jede Causa separat mit großem Scharfblick, unter jedem Aspekt, die Argumentation muß rein menschlich sein, basierend auf Material, welches sich bewährt hat im Verfahren der Kanonisation.
Es gibt kein universales Modell, gültig für alle möglichen Fälle, welches für alle Probleme eine Lösung bieten könnte. Jedes Faktum eines Martyriums entsteht, wächst und reift innerhalb der Umstände des Ortes und der Zeit, einzigartig für sich selbst, und deswegen erfordert jede Causa ein eigenes Examen.