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Schwester M. Fructuosa (Maria) Gerstmayer, Missionsbenediktinerin

* 4. Februar 1898 Weingarten (Württemberg); † 16. September 1952 Gefängnis Oksadok

 

Erste Profess: 2. Februar 1923 im Mutterhaus Tutzing

Aussendung:  4. September 1926 nach Korea


Maria GerstmayerAm 4. Februar 1898 wurde dem Kaufmann Max Gerstmayer und seiner Ehefrau Juliana, geborene Birk, das vierte Kind geboren, dem sie den Namen Maria gaben. Die Familie gehörte zur Stadtpfarrei St. Martin. Schon mit acht Jahren äußerte Maria Theresia den Wunsch, später zu den Heidenkindern zu gehen. (Das Foto zeigt Maria Theresia im Alter von ca. 14 Jahren). So trat sie am 1. März 1921 bei den Missionsbenediktinerinnen in Tutzing ein, wo sie bei der Einkleidung am 21. Januar 1922 den Namen Maria Fruktuosa erhielt.

 

Wer war der heilige Fructuosus?

 

Hier die PASSION DER HEILIGEN MÄRTYRER FRUCTUOSUS, BISCHOF, AUGURIUS UND
EULOGIUS, DIAKONEN –AM 21. JANUAR UNTER DEN KAISERN VALERIANUS
UND GALLIENUS ZU TARRAGONA GEOPFERT

 

Der Name Fruktuosa (die Fruchtbringende) war ihr Zeit ihres Lebens Weg und Weisung. Sr. Fructuosa kam aus einer sehr frommen katholischen Familie mit 10 Kindern, die sehr lebhaft und glücklich miteinander aufwuchsen. Sie hatte einen offenen, hilfsbereiten und schönen Charakter. Sie war schlank und groß und hatte eine klare, schöne Stimme. Darum war sie immer für den kleinen Chor zuständig. 

 

Am 4. September 1926 schlug für sie die ersehnte Stunde der Aussendung in die Mission. In der Missionsstation der Benediktiner zu Wonsan in Korea fand sie ihr Arbeitsgebiet. Als sie in Korea ankam, wurde sie gleich die vorstehende Krankenschwester der „Maria-Hilf“ Klinik, anstelle von Sr. Hermetis, die wegen ihrer schwachen Gesundheit auf die Philippinen gesandt wurde. Sie wurde der armseligen Apotheke, mit der die ambulante Krankenpflege der Armen verbunden war, zugeteilt. Täglich mussten hier 60 bis 80 von Wunden aller Art bedeckte und von allen möglichen Krankheiten gefallene Patienten versorgt werden. Nach der Arbeit auf der Station machte sich Sr. Fruktuosa auf den Weg in die Armenviertel der Hafengroßstadt und in die Höhlenwohnungen der Bettler in der Umgebung. In ihrem Korb brachte sie Kleidung, Nahrungsmittel, Arzneien und Verbandszeug mit. Sie machte diese weiten Wege in der bleiernen Hitze des koreanischen Sommers, bei Sturm und Regen, in Eis und Schnee. Zweimal wurde sie vom Typhus befallen, wodurch sie bleibenden Gehörschaden erlitt. Auf der Station und auf ihren Gängen durch die Elendsviertel der Stadt begegnete Schwester Fruktuosa vielen sterbenden Kindern und Erwachsenen, denen sie in glühendem Eifer die heilige Taufe spendete – insgesamt nicht weniger als 5000 Menschen! Hier können ihr nur wenige Missionare die Waage halten. So diente und sorgte Sr. Fruktuosa für die Armen und Kranken mit allem Eifer ihrer 23 Jahre.

 

An den Sonntagen betete sie vor dem Allerheiligsten Sakrament, besonders für die extrem armen Leute, für die Ungläubigen und Atheisten. Wenn sie gerufen wurde, eilte sie hinaus, um sich der kritisch Kranken anzunehmen so gut sie es konnte, ohne sich zu beklagen oder zu zögern. Es schien, dass sie mit den Armen und Kranken glücklich war, die auf ihre Sorge warteten.

 

Nach der Kapitulation Japans im Jahre 1945 wurde der Norden Koreas von den Sowjets besetzt und eine kommunistische Volksrepublik gebildet. Das Wirken der Benediktinermission fand ein Ende. Besonders die Tätigkeit der Schwester Fruktuosa war den Kommunisten ein Dorn im Auge, aber sie konnten ihr wegen ihrer großen Beliebtheit in ganz Wonsan nichts anhaben. Schließlich wurden die Schwestern im Mai 1949 verhaftet und zunächst in ein Gefängnis gesteckt, von wo sie nach einigen Monaten nach Tchon-Tchon, in ein Lager in einem Gebirgstal bei dem Ort Oksadok (Nordkorea) geschafft wurden. Hier waren auch die Benediktiner von Tokwon eingesperrt. Die Lagerinsassen mussten von ihrer eigenen Hände Arbeit sich das Leben fristen.

 

Schwester Fruktuosa arbeitete zunächst in der Lagerküche. Ihr Arbeitstag zählte 18 Stunden. Von früh bis spät wusch und zerschnitt sie Rüben, zerstieß sie Mais in der steinernen Handmühle und reinigte Berge von Kräutern, wilden Zwiebeln und Pilzen, die ihre Mitgefangenen vom Arbeitsplatz als zusätzliche Nahrung mitbrachten. Vom Übermaß der Arbeit wurde Schwester Fruktuosa immer schwächer und schließlich so elend, daß sie nur mehr sitzend arbeiten konnte. Nun musste sie flicken, endlos flicken für die Mitgefangenen und die koreanischen Wachposten. Da saß sie auf dem nackten Boden in einem grünlichen Soldatenanzug, die gedunsenen Beine weit ausgestreckt. Auf ihren Knien lag die geöffnete Brillenschale, auf deren Innenseite sie ein Herz-Jesu-Bild geklebt hatte. ‚Was sie da geleistet hat, wie sie ohne Nadel, Faden und Fingerhut noch bin in die Nacht beim qualmenden Kienspan die zerfetzten Lumpenhandschuhe unserer Patres und Brüder flickte, die tagsüber in Schnee und Eis arbeiteten, daß weiß nur Gott’, schreibt eine Mitschwester aus demselben Lager. Über ihren Tod aber berichtet sie: ‚Ihre Krankheit war sehr langwierig. Es war die Krankheit, an der die meisten unserer Toten – wir haben derer 17 zu beklagen – starben Aufschwellungen und Wassersucht infolge von Unterernährung, einseitiger Kost, Hunger, Entbehrungen und Überarbeitung.’ Sie ist tapfer und glücklich heimgegangen am 16. September 1952; es war nachts um ein halb ein Uhr, nachdem sie alle Sakramente des Heimgangs empfangen hatte. Es gab damals eine Fülle von Blumen und wir haben die entsetzliche Armut mit einem überquellenden Blumenschmuck verdeckt. Sie hatte keinen Sarg. Man legte sie auf ein Brett und trug sie auf den weit entfernten Friedhof. Gott hat der lieben Schwester all die Not reichlich vergolten.’

Quellen:

Kirchen-Blatt für die katholischen Stadtpfarreien St. Martin und St. Marien in Weingarten, Nr. 46, 10. November 1974;

http://www.osb-tutzing.pcn.net/de/html/unsere_martyrer.html)

 

 

 

Das Foto zeigt den Konvent von Wonsan im Oktober 1935. Erste Reihe, dritte von links: Sr. Fructuosa

 

Drei weiere Zeugnisse:

1. Besonders rühmend zu erwähnen ist ferner die Armenapotheke der Schwestern in Wonsan. Hier arbeitete unermüdlich Schwester Fruktuosa mit zwei weiteren Schwestern. Sie behandelten leichtere Krankenfälle, verteilten unter Aufsicht des Arztes Dr. An, dessen Hospital gleich in der Nähe lag, unentgeltlich Medikamente an die unbemittelten Kranken, machten täglich Hausbesuche, pflegten die Patienten und verabreichten ihnen neben Medizinen auch Lebensmittel; schwerkranke Frauen und auch Männer, die sich für christliche Beeinflussung aufnahmefähig und zugänglich zeigten, bereiteten sie auch auf die Taufe vor. Besonders eifrig und erfolgreich erwies sich Schwester Fruktuosa in der Spendung der Nottaufe an sterbende Kinder. Sie hat in den 25 Jahren, die sie in Wonsan tätig war, wohl über 2000 Nottaufen allein an Kinder gespendet und ihnen die sichere Himmelstüre geöffnet. (Quelle: Hwan Gab)

 

2. Es hatte sich in den letzten Wochen — so von Februar des Jahres 1949 ab — anscheinend um unsere Armenapotheke gehandelt. — Diese war zwar schon seit: Monaten geschlossen —, seit dem Tag eben, an dem die Regierung zusammen: mit einem entsprechenden Dankesschreiben an Sr. Fruktuosa, die seit 26 Jahren sich in aufopferndster Weise um die Armen und Elenden der Stadt angenommen hatte, diese Tätigkeit verboten hatte. Die Regierung sei nicht mehr auf solche ' Mithilfe angewiesen. — Tatsächlich wurde ja auch besser für die Armen gesorgt, als unter der japanischen Regierung, aber es wäre trotzdem noch Platz genug , gewesen für unsere Arbeit. — Monate nachher also glaubte man offenbar aus dieser Sache doch noch eine Kriminal-Affäre machen zu können, was zwar nicht gelang, was uns aber doch in steter, aufreibender Sorge hielt. Was hatten wir für  Vorladungen und Verhöre..., Sr. Fruktuosa und ich! Oft ging ich auch ungeladen mit auf Sr. Fruktuosas Bitten, wegen Sprachschwierigkeiten. Einmal hatte man meine Teilnahme abgelehnt und mich schroff, nach Hause geschickt, aber nach Stunden kam Sr. Fruktuosa atemlos angerannt mich zu holen, weil sie es in bewundernswerter Standhaftigkeit abgelehnt hatte, ein Protokoll zu unterzeichnen, das sie nicht genau lesen konnte. Jedesmal, wenn wir weg waren, bangte man daheim, ob wir wieder zurückkämen ... Schließlich wurde auch noch Sr. Diomedes, unsere Ärztin, mit hineingezogen, die in Hamhung ihr Krankenhaus hatte, und wir sorgten uns auch noch um sie und ihre Arbeit.( Quelle: Schicksal in Korea)

 

3. Schwester Fruktuosa Gerstmayer, die schon ein Jahr nach dem ersten Einsatz der Tutzinger Schwestern nach Wonsan gesandt wurde, war eine der populärsten Gestalten der dortigen Mission. Mehr als 20 Jahre wirkte sie als die Krankenschwester, die in den Hütten der Armen und Ärmsten ebenso wohl bekannt war wie in gehobenen Kreisen. Es müssen an die 5000 Kinder und Schwerkranke gewesen sein, denen sie in Todesgefahr die Nottaufe spendete. Bereits im Gefängnis litt sie unter Durchfall und Ödemen und war wohl nie ganz auf der Höhe während unseres Lagerlebens. Den Todesmarsch hat sie trotzdem überstanden. Danach setzte sie sich in ihrer resoluten, sich selbst vergessenen Weise als Küchenhelferin ein und hat auch viel Munterkeit und Frohsinn mit in den Kreis der Schwestern gebracht. Nachdem sie im August 1951 einen kleinen Gehirnschlag erlitten und die Heilige Ölung erhalten hatte, durfte man es trotz der allmählichen Besserung nicht mehr wagen, sie mit schweren Arbeiten zu belasten. Ich konnte erreichen, daß sie beim Flicken eingesetzt wurde und so eine ruhige, sitzende Beschäftigung erhielt. Aber selbst hier arbeitete sie bis tief in die Nacht hinein am Kienspanfeuer, um die zerlumpten Handschuhe der Kohlenbrenner und Waldarbeiter zusammenzuflicken.


Die erhoffte Besserung des Zustandes blieb aus, und die Krankheit nahm bei ihr den ähnlichen Verlauf wie bei den anderen. Als sie schon ganz bettlägerig war und man sie gerade auf den Tod vorbereitet hatte, erlitt sie wiederum einen Gehirnschlag und ihr Bewußtsein kehrte nicht mehr zurück. Sie starb friedlich in der Nacht vom 15. auf den 16. September 1952. Die Patres und Brüder, deren ständige Hilfe sie durch das Handschuhflicken geworden war, glaubten, sie anrufen zu dürfen und meinten, die allmählich erfolgende Besserung unserer Lage sei nicht ganz ohne ihre Fürbitte geschehen. (Quelle: Gertrud Link, Mein Weg mit Gott)


Als die Klinik von den Kommunisten geschlossen wurde, kam sie in Gefangenschaft und wurde dann mit den anderen Schwestern zu Schwerstarbeit in das Arbeitslager Oksadok gebracht. Aber sie konnte nicht für sich selber sorgen, und so litt sie gesundheitlich sehr im Gefängnis und in Oksadok.

 

 

Plan des Lagers Oksadoks

(Plan vergrößern)

 

1954 kehrten die Überlebenden in die Heimat zurück und fertigten diese Skizze der Gräber an. (Skizze vergrößern)

 

1954 kehrten die Überlebenden aus Nordkorea nach Deutschland zurück.

Dadurch wurden die Ereignisse bekannt.

(Eine erste Notiz über die Ereignisse in der Schwäbischen Zeitung vom 27. Januar 1954. Hier findet sich noch kein Hinweis auf Sr. Fructuosa)

(Die Todesmeldung für Sr. Fructuosa in der Schwäbischen Zeitung vom 10. Februar 1954)

(Schwäbische Zeitung vom 10. Februar 1954)

Geographic features & Photographs around Oksdaok, in Chang-do, North Korea

 

Oksadok bei Chonchon

 

Bericht unserer Lagerärztin Dr. Diomedes Meffert O.S.B.:

 

Sr. M. FRUKTUOSA GERSTMAYER, die schon ein Jahr nach dem ersten Einsatz der Tutzinger Schwestern nach Wonsan gesandt wurde, war eine der populärsten Gestalten der dortigen Mission. Mehr als zwanzig Jahre war sie »die Krankenschwester", die in den Hütten der Armen und Ärmsten sowohl wie auch in gehobenen Kreisen bekannt war. Es müssen an die 5000 Kinder und Schwerkranke gewesen sein, denen sie durch die Nottaufe das Tor zu einem glücklichen Jenseits öffnete. Bereits im Gefängnis litt sie unter Durchfall und Oedemen und war wohl nie ganz auf der Höhe während unseres Lagerlebens. Trotzdem setzte sie sich in ihrer resoluten, sich selbst vergessenden Weise bei der Küchenarbeit ein und hat auch viel Munterkeit und Frohsinn mit in den Kreis der Schwestern gebracht. Nachdem sie im August 1951 einen kleinen Gehirnschlag erlitten und die heilige Ölung erhalten hatte, durfte man es aber trotz der allmählichen Besserung nicht mehr wagen, sie bei der schweren Arbeit zu belassen. Ich konnte es erreichen, daß sie beim Flicken eingesetzt wurde und so ruhige, sitzende Beschäftigung hatte. Sie tat aber auch hier noch Werke der Obergebühr, indem sie bis tief in die Nacht hinein beim Kienspanfeuer die zerlumpten „Handschuhe" der Kohlen- und Waldarbeiter zusammenflickte. Die erhoffte Besserung des Zustandes blieb aus, und die Krankheit nahm bei ihr den ähnlichen Verlauf wie bei den anderen. Als sie schon ganz „bett"lägrig war und man sie gerade auf den Tod vorbereitet hatte, erlitt sie wiederum einen Gehirnschlag und ihr Bewußtsein kehrte nicht mehr zurück. Sie starb ungemein friedvoll in der Nacht vom 15. auf den 16. September 1952. Die Patres und Brüder, deren ständige Hilfe sie durch das Handschuhflicken geworden war, glaubten sie anrufen zu dürfen, und die allmählich erfolgende Besserung unserer Lage sei nicht ganz ohne ihre Fürbitte geschehen.


Unsere lieben Toten haben durch unsere bittere Armut unendlich viel leiden und entbehren müssen. Das war auch mein Leid und hat mir immer wieder tief ins Herz geschnitten. An den meisten von ihnen, mit Ausnahme der vier in Manpo verstorbenen, konnte ich aber das, was ich ihnen zum Teil aus Mangel am Notwendigen, zum Teil aus eigener Unzulänglichkeit nicht tun konnte, gutmachen dadurch, daß ich die Leichen aufbahren und unter Blumen betten durfte. Ohne Schwierigkeiten bekam ich dafür freie Zeit, und die Polizisten machten nur scheu einen großen Bogen um mich, wenn ich dabei am Werk war. Es war ein erbauliches Leiden und Sterben unserer Mitbrüder und Mitschwestern; ich glaube fest, daß alle die Anschauung Gottes bereits erreicht haben. Wir alle im Lager haben unsere Gebete an sie gerichtet und in vielen Nöten Erhörung gefunden.

 

 Sr. Fructuosa, Oktober 1935

 

„…UND HÄTTET IHR DIE LIEBE NICHT…“


Sr. M. Fructuosa Gerstmayer OSB
Von Sr. Gertrud Link OSB, Tutzing


Man musste sich wundern, wie die hochgewachsene, energische Schwester, die seit mehr als 20 Jahren in ihrer kleinen, reichlich primitiven Armenapotheke in Wonsan (Nordkorea)  Tag für Tag von einem Schwarm armer Kranken umdrängt war, es fertig brachte, ihr 60 bis 80 Patienten im Tag zu versorgen, zu salben und zu verbinden. Sie hatte nie Zeit gefunden, die schwierige Sprache der Koreaner so zu studieren, dass sie diese beherrscht hätte. Aber sie konnte sic h ausgezeichnet verständigen mit jener Sprache, die alle Schwierigkeiten überwindet: mit der Liebe. Die Kraft, die sie aus ihrer Vereinigung mit Gott schöpfte, machte ihr Gesicht immer froh und gütig, so dass das Geschrei der kleinen Kinder  und die vielen Fragen der bittenden  Mütter sie nie aufregen und zu ermüden schienen. Gerade das gab diesen Frauen ein solches Vertrauen, dass sie die Krankenschwester in ihren körperlichen Leiden aufsuchten, als ob sie alles verstünde. Und schickte Sr. Fruktuosa einen Patienten zu einem richtigen Arzt, dann wollte er sich nicht abweisen lassen.


Da gab es nette Worte zu hören, wenn die Mütter ihre kranken, oft so schmutzigen Kinder vom Rücken oder von der Brust nahmen und ihr darreichten. „Komm her, du Ferkele!“ wandte sie sich an eines, aus dessen schmutzigen Windellumpen die grausigsten Gerüche  strömten. “Du süßer kleiner Dreckspatz!“ redete sie eines an, dessen Augen und Ohren von Eiter trieften. „Fürcht dich doch nit, du Schmutzfinkele, ...ja, deine Rabenmutter weiß halt nicht, dass du gewaschen werden musst...“ und so ging es weiter in hellen, liebenswürdigen Tonarten. Uns sie nahm sie an sich, herzte sie bis die Tränen versiegten und die dunklen Schlitzäuglein interessiert an dem so merkwürdig hellem Gesicht über ihnen hafteten. Die Mütter aber nahmen das „Ferkele“ und den „Dreckspatz“ und die „Rabenmutter“ mit dem größten Entzücken hin, denn sie verstanden nicht deutsch...sie verstanden nur, was da überfloss aus dem Reichtum ihres gottgeeinten Herzens, was sich in Klang und Wort, in Blick und Gebärde offenbarte: die Liebe.


Wie oft hat Sr. Fruktuosa sehr darunter gelitten, dass ihr Wissen unvollkommen, ihre Ausbildung für die  Aufgabe, die sie vor sich sah, unzureichend schien. Und doch konnte sie mit dem Apostel sagen: „Ich habe mehr gearbeitet als alle“; wenigstens was die Nottaufen anbelangt, die sie vielfach mit schwersten persönlichen Opfern bezahlte. Genau weiß ja niemand außer Gott, wie vielen Seelen sie das Tor zu Gottes Seligkeit geöffnet hat, - aber sie selbst schätzte in der Gefangenschaft einmal nach den jährlichen Statistiken auf etwa 5000. Und das  war sicher bescheiden gerechnet. So verbrachte Sr. Fruktuosa die vielen Jahre ihres Missionarslebens.


Gab sie ihre Habe den Armen?...Gab sie ihren Leib zum Verbrennen hin? Sie tat es wörtlich; denn sie trug Lebensmittel und Kleidungsstücke, Medizinen und Verbandszeug in die Hütten der Armen, die sonst niemand kannte in der Bannmeile der Hafenstadt. Für sich aber war sie mit dem Mindesten zufrieden und flickte ihre Kleidungsstücke endlos zusammen. Sie schonte ihren Leib nicht. Wege zu Bettler unterschlupfen weit draußen an den Berghängen, wo sich die Gestrandeten des Lebens ihre Höhlen in den Löss zu graben pflegten. Wege in der bleiernen Hitze des koreanischen Sommers, Wege in Sturm und Regen, Wege durch Schneewehen und vereiste Strecken gehörten zu ihren gewöhnlichen Gängen. Wenn es sich um Sterbende handelte, fragte sie nach nichts. - Dabei hatte ihre Gesundheit  Zerreißproben zu bestehen. Es gab Zeiten, wo sie sich selbst nur dahinschleppte, wo die Füße sie nicht tragen wollten und Schwächezustände sie auf dem Weg übermannten. Ist ihr Leib nicht verbrannt, ihre Lebenskraft nicht verglüht in diesen jahrzehntelangen Strapazen, so dass sie die Gefangenschaft nicht mehr überstehen konnte?


Und doch wäre das alles nichts, sagt der Hl. Paulus, wenn sie die Liebe nicht gehabt hätte. Doch sie hatte sie. Die Liebe zu Gott und von Ihm her zu den Seelen, die Er suchte und die   Ihn verherrlichen sollten, trieb sie zu allen Opfern.


Und dann kam die Gefangenschaft, die letzte große Probe für Sr. Frukuosa. In der Lagerküche fand sie ihren Arbeitsplatz. Nicht beim Dirigieren, Ordnen, Überwachen,...nicht im Hauptgedränge des oft 18-stündigen Arbeitstages. Ihre Kraft hatte rasch nachgelassen, als Hunger und die Ruhr die letzten Reserven aufgezehrt hatten. Sie wusch Rüben und wieder Rüben und zerschnitt sie in längliche oder breite Stücke, je nachdem, was sie darstellen sollten, sie zerstieß Mais auf der steinernen Handmühle, reinigte Haufen von Bergkräutern und wilden Zwiebeln, die wir von überall her heimlich trugen, wenn wir von der Arbeit kamen, und sie putzte Pilze, die wir allen Verboten zum Trotz zusammensuchten. Diese Pilze, sooft es sie gab, bedeuteten etwas unerhört Ersehntes: Sättigung. Aber sie waren gefährlich, denn nur wenige Sorten ähnelten denen der Heimat. Wir aßen sie dennoch. Sr. Fruktuosa „versuchte“ sie beim Putzen und behauptete durch den Geschmack giftige von essbaren zu unterscheiden.


Es sollte ein „Schonposten“ für sie sein, dort im Küchenwinkel. Aber das Arbeitsmaß überstieg trotzdem bei weitem das eines gesunden Menschen – und es war zuviel für sie. Als die Haut über den hart und prall geschwollenen Beinen infolge der schwachen Herztätigkeit glasig und wie Leder geworden war, die Oedeme bis zur Brust hinaufstiegen, das Herz auszusezten begann und die berüchtigten blauen Flecken an ihren Armen sich zeigten, wurde sie arbeitsunfähig der Flickstube zugeteilt. Ruhe war ein Privileg für die in den Gräbern. Sr. Fruktuosa wollte auch keine Ruhe. Sie arbeitete weiter.


So wie wir sie in den letzten zwei Jahren sahen, steht ihr Bild wohl unvergesslich in uns allen: die gedunsenen Beine ausgestreckt, saß sie auf dem Boden, im Sommer neben der offenen Tür, im Winter dicht hinter den düsteren Papierscheiben in dem grünlichen Soldatenanzug. Auf ihren Knien lag das  geöffnete Brillenetui, auf dessen Innenseite sie ein Herz-Jesu-Bild geklebt hatte. Herz-Jesu

 

Still unterhielt sie sich wohl mit dem göttlichen Meister. Die Brille, deren Gestänge abgebrochen war, musste sie auf die vorderste Nasenspitze rücken, da sie Sehkraft inzwischen bedeutend abgenommen hatte. Ihre Nadel bestand aus einem Stück Kupferdraht, das die findigen Brüder primitiv bearbeitet hatten. Schere erübrigte sich, weil der aus Kunstseidenabfällen gedrehte Faden sich auflöste, wenn man ihn befeuchtete.


Sr. Fruktuosa flickte und flickte: im Sommer von der Sonne verbrannte Hemdfetzen, im Winter aus Lumpen und Watte gefertigte Socken und Fäustlinge. Sie war die letzte Hoffnung der Köhler, Fuhrleute und Holzfäller, wenn sie nach Sonnenuntergang total vereist, mit Eiszapfen an Bärten, Nasen und Füßen von draußen zurückkamen. Unmöglich auch nur 10 Minuten mit unbedeckten Händen im Freien zu arbeiten, die starr gefrorenen Posen (Stoffsocken) am nächsten Morgen an die Füße zu bringen, wo sie über den leichten Reisstrohsandalen mit Strohstricken umwickelt den ganzen Tag nicht trocken wurden. Jeden Abend beim Heimkehren graute einem vor der Kälte des nächsten Tages. Man wusste, es gab kein Licht. Auch bei den Schwestern qualmte in der Mitte des Wohn- und Schlafraumes nur die Pfanne mit Kienspänen. Man wusste auch, es gab keinen haltbaren Faden, keinen Stoff zum Flicken und keinen Platz zum Trocknen. Aber man wusste noch sicherer, dass es morgen früh kein Erbarmen gab, wenn die Wächter zur Arbeit hetzten, und keiner fragte, ob man Socken  an den Füßen und Fäustlinge an den Händen habe. Einmal zu Beginn des Winters hatten sie diese Dinge verteilt und damit war der Fall für sie erledigt.


Durch die Papiertüre des „Schwesternklosters“ (wie sogar die Polizisten unsere Lehmhütte betitelten) zitterte der schwache Lichtschein. Hinter dieser Türe saß Sr. Fruktuosa,...krank, geschwollen, müde,... Zaghaft wohl meist klang es von draußen herein: „Sr. Fruktuosqa?“ – „Ja, bitte“, kam die bereitwillige Antwort. „Meine Handschuhe sind durchgewetzt...!“ „Ja, ja, der Flickfleck war halt gar so lumpig“ „Und von den Posen hängen die Fetzen“...“Natürlich, dieser Faden verträgt kein Schneewasser“...“Morgen früh...“ „Gewiss, bis morgen früh bekommen Sie ihre Sachen. Legen Sie sie nur dort bei der Seitentür herein!“ – Einer nach dem andern brachten sie ihre Lumpen, meist lag ein ganzer Berg neben der Schwster, Tag für Tag, monatelang. Die Küche versorgte mit gleicher Willigkeit das Trocknen nachts auf den Kesseldeckeln und heißen Steinen. Was abends noch zu nass war, wurde in der allerersten Dämmerfrühe hergerichtet. Manchesmal mussten die letzten Stiche ungenäht bleiben, weil die Wächter gar zu toll schrieen. Die Liebe ist gütig, sie lässt sich nicht erbittern, auch nicht dadurch, dass sie oft bis an sie äußerste Grenze ausgenützt wird. Die Liebe will dieses Ausgenütztwerden. Es macht sie glücklich.
 Den ersten Schlaganfall mit schweren Störungen und Folgen erlebte sie infolge eines jähen Schreckens, den ihr ein junger Polizist in seinem Übermut einjagte. Es dauerte Tage bis ihr Geist wieder klar wurde. Wieviel Gutes hatte sie auch diesen Leuten getan! Wie oft kamen sie mit ihren zerrissenen Sachen, und Sr. Fruktuosa musste alles weglegen, um ihnen Knöpfe anzuflicken und andere Schäden zu beheben. Doch es war nie zu sehen, dass sie weniger freundlich oder vorwurfsvoll gegen jenen Polizisten war. Sie wollte nicht haben, dass man darüber spreche, es sei ja doch nichts mehr zu ändern.


Wenn sie auch wieder über ihre Geisteskräfte verfügte, so blieben ihr doch Gleichgewichtsstörungen, sie konnte die grobe Nahrung nur mehr schlecht vertragen und es ging sichtlich abwärts mit ihr. Die Krankenrationen waren Hungerrationen, knapp 2/3 der normalen Ration, die auch schon ungenügend war. Doch Sr. Fruktuosa vermochte auch dies wenige nicht mehr zu sich zu nehmen. Sie bat, ihr Essen wenigstens einmal, wenn nicht zweimal im Tag einem Hungernden zukommen zu lassen. Es sollte ein Priester sein, für den sie opfern und beten wollte, dass Gott ihn und seine Kraft dem Missionswerk erhalte. Es war der gleiche Priester, der ihr die Sterbesakramente spenden durfte und der dann äußerte, er halte dies für eine besondere Gnade seines Priesterlebens.


Nach einigen Monaten erfolgte der zweite Schlaganfall, ein kurzes Krankenlager unter erbarmungswürdigen Umständen – die Liebe erträgt alles. Sie ertrug nicht nur, sie gab noch ihre allerletzte Kraft, um die bis zum Zusammenbrechen überlasteten Küchenschwestern zu schonen. Mühsam halb aufgerichtet putzte sie noch mit letzter Kraft Bohnen. Sogar ihren Humor hatte sie bis zuletzt nicht verloren. „Stiefele muss sterben...ist noch so jung...“, hörte man sie singen. Sie dachte nie an sich, sie dachte nur, wie sie andere noch erfreuen könne. Nach einigen schweren Tagen brachte die Nacht zwischen dem Feste der Schmerzensmutter und dem koreanischen Priester und Märtyrer Andreas Kim brachte [sic!] die Erlösung. Es entstand ein kleiner Streit, ob man das eine oder das andere Fest als Sterbetag betrachten solle. Aber die Frage ist überflüssig,...in beiden drückt sich die Liebe in ihrer reinsten Form aus: in der Martyrer-Königin und im Martyrer-Priester.


Als Sr. Fruktuosa heimgegangen war, als wir sie oben am Berghang neben unserer Sr. Eva und unseren Priestern und Brüdern zur Ruhe gebettet hatten, da hörte man immer wieder sagen: „Wir wollen zu ihr beten. Sie ist sicher beim lieben Gott, ihre Liebe hat ihr den Weg gebahnt, ihre Tausende von getauften Kindern haben sie sicher im Jubel abgeholt...Sie kennt unsere Nöte!...“ Und dann hieß es auch manchmal: Sr. Fruktuosa hat geholfen! - Sicher hat sie mitgeholfen, dass doch noch ein guter Rest aus der Gefangenschaft heimkehrte. Sicher hat sie ihre Hand oder ihr Herz im Spiel, wenn einzelne wieder im geliebten Missionsland arbeiten dürfen,...sicher steht sie helfend in unserem neuen kleinen Krankenhaus, sicher gehört ihre Liebe weiterhin den Armen unter den armen Koreanern, denn Gott erfüllt doch alle Wünsche, wenn wir bei Ihm sind, und andere Wünsche hatte sie kaum.


Sprachengabe...?...die hört auf.
Erkenntnisse...?...die werden vergehen...
denn Stückwerk ist alles Irdische...
Sr. M. Gertrud Link O.S.B.


Die Liebe aber hört nimmer auf, das wissen wir!

 

Weiere Informationen: Die Homepage der Missionsbenediktinerinnen von Tutzing: hier

 

Steckbrief


Ordensname: Schwester M. Fructuosa
Nachname: Gerstmayer
Geboren: am 4. Februar 1898
Geburtsort: Weingarten, Diözese Rottenburg
Professort: Mutterhaus Tutzing
Profess: 2. Februar 1923
Aussendung: 4. September 1926
Gestorben: am 16. September 1952
Todesort: Lager Oksadok
Todesart: Gehirnschlag

 

 

Zeugnis ihrer Verehrung und Anrufung

 

Im Auftrag des Ausschusses Weltmission des Pfarrgemeinderates der Pfarrei St. Martin Weingarten, hat Herr Professor Dr. Plewa in der Kerzenwerkstatt der Benediktinerinnenabtei St. Erentraud Kellenried die Herstellung einer Kerze zum Gedenken an das Lebens- und Glaubenszeugnis der Schwester Fructuosa (Maria) Gerstmayer OSB in Auftrag gegeben.

 

Diese Kerze wurde zusammen mit einer Gedenkschrift der Lebensdaten von Sr. Fructuosa aufgestellt am 1. November 2008 am Altar des Hl. Benedikt in der Basilika St. Martin zu Weingarten.

 

Die Kerze zeigt vier Gestalten: Es sind die drei Jünglinge im Feuerofen, daneben sehen wir eine vierte Gestalt, es ist dies der "Göttersohn", der vom König Nebukadnezar so genannt wird (Daniel Kapitel 3). Die frühe christiche Ikonographie und Literatur hat diesen "Göttersohn" als Christus gedeutet: Christus, der Ur-Zeuge, das Vorbild aller Märtyrer, ist für alle und für immer in jede Form und Art des Martyriums hineingegangen.

 

Schwester Immakulata OSB, die Künstlerin, schreibt dazu:

Die Anregung zu diesem Motiv ergab sich aus den Ereignissen der Katastrophengebiete der Welt.

"Der Einsatz aller militärischen und politischen Operationen verpflichtet uns Christen, die Flammen der Bedrängnis durch Lobgesang unschädlich zu machen."

Die Welt- und vor allem die Kirchengeschichte bietet genug Anlass, diesen Weg zu gehen.

Er scheint der einzige wirksame Weg in auswegloser Situation zu sein.

"Christus will ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung, sein Tod soll mich prägen."

Diesen Satz sollten wir vor Augen haben.

Wo Krankheit, Leid, Schmerz, Angst, Schrecken uns heimsuchen, wird wohl Anbetung, Lobpreis in der Gemeinschaft Glaubender der Weg sein, Frieden und letztlich Heiterkeit zu finden.

Vielleicht ist es auch die einzige Fährte, die Kraft und die Führung durch des sieghaft Auferstandenen zu erleben."

 

 

 

Weitere Stellen der Heiligen Schrift zu Meditation:

Philipper 3,10

Matthäus 28,20

Jesaja 41,10

Apokalypse 16,19-34

Lukas 4,18

Jesja 61,1.2

Johannes 10,10

 

 

"Bis zum Ende für die Gefährten geopfert", Artikel in: Katholisches Sonntagsblatt für die Diözese Rottenburg-Stuttgart, Ausgabe 31/32/2009: hier

 

"Schwester Maria Fructuosa Gerstmayer war die Missionarin der Liebe", Artikel aus: Schwäbische Zeitung vom 2. Februar 2010/Nr. 26: hier

 

"Gebürtige Weingartenerin bald seliggesprochen?", Amtsblatt und Bürgerzeitung der Stadt Weingarten, Ausgabe 14/2010, Seite 4: hier

 


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